Katharina Koll · NORANNI
Identität & Rollen
Die meisten Rollen, die wir tragen, hat uns niemand aufgezwungen.
Wir haben sie selbst übernommen aus Liebe, aus Angst, aus dem Wunsch dazuzugehören.
Die Rolle, die ich am längsten getragen habe.
Mit ungefähr 15 Jahren habe ich die komplette Buchhaltung und Verrechnung im Familienbetrieb meines Vaters übernommen. Ich habe Plakate zusammengelegt, Eis verkauft im Stadion, Dinge umgesetzt, die er selbst nicht konnte — weil ich ihm eine Freude machen wollte. Weil ich ihn nicht enttäuschen wollte. Weil ich Angst hatte, dass er mich weniger mag, wenn ich es nicht tue.
Meine Eltern sind geschieden, seit ich neun Jahre alt bin. Ich habe — ohne es je so zu benennen — unbewusst die Rolle der Ehefrau ersetzt. Ich habe bei ihm aufgeräumt, obwohl ich nicht bei ihm gewohnt habe. Ich habe seine Wäsche gewaschen. Für mein Studium hätte ich ein Auslandssemester machen sollen. Ich habe es nicht gemacht — nicht einmal in Deutschland — weil ich mir gedacht habe: Wie soll mein Vater das ein halbes Jahr ohne mich schaffen?
Er hat das nie gesagt. Er hat das wahrscheinlich nie so gemeint. Aber ich hatte dieses Gefühl — und ich habe diesem Gefühl geglaubt.
Ich habe mir diese Rolle selbst übergestreift. Aus Liebe. Aus Angst. Aus dem stillen Glauben, dass ich sie tragen muss, um gemocht zu werden.
Ich trage diese Erfahrung nicht als Vorwurf. Mein Vater hat mir unglaublich viel mitgegeben — Verantwortungsbewusstsein, Fleiß, das Wissen wie ein Betrieb funktioniert, den Mut selbstständig zu denken. Ich wäre nicht die Frau, die ich heute bin, ohne diese Jahre. Aber ich habe diese Rolle noch getragen, als meine eigenen Kinder bereits auf der Welt waren. Als ich längst verheiratet war. Als ich längst erwachsen war — und mich trotzdem noch gefragt habe, was er wohl zu Thema XYZ sagen würde. Und manches deshalb nicht getan habe.
Das ist das Wesen einer Rolle, die nie wirklich deine eigene war: Sie bleibt, bis du sie bewusst anschaust.
Eine Lehrerin. Ein Satz. Jahre der Unsichtbarkeit.
Erste Klasse Gymnasium. Mein erstes Referat. Eine Lehrerin, die mich bei jedem Satz ausgebessert hat — weil ich umgangssprachlich gesprochen habe. Vor einer ganzen Klasse voller Kinder von Botschaftern, Ärzten, Rechtsanwälten.
Ich war die Landpomeranze. Tochter eines selbstständigen Vaters und einer Sekretärin. Und in diesem Moment hat sich etwas in mir eingegraben, das ich lange nicht benennen konnte: Du gehörst hier nicht dazu. Du bist nicht genug. So wie du bist, reicht es nicht.
Was macht man mit diesem Gefühl, wenn man vierzehn ist? Man rebelliert. Nicht laut, nicht mit Worten — sondern sichtbar. Blaue Augenbrauen. Grüne Haarsträhnen. Plateauschuhe, mit denen man kaum gehen kann. Man schreit mit dem Körper, was man mit der Stimme nicht darf.
Ich musste mit anderen Dingen auffallen, weil mir jemand früh gesagt hat, dass meine Worte nicht zählen.
Dieser Glaubenssatz — ich bin nicht genug, so wie ich bin — hat mich jahrelang klein gehalten. Hat mich davon abgehalten, rauszugehen. Sichtbar zu werden. Zu sagen, was ich denke, ohne es vorher zehnmal zu prüfen. Er war nie meiner. Er wurde mir gegeben — von einer Frau, die wahrscheinlich nicht einmal wusste, was sie damit angerichtet hat.
Das ist die Macht von Glaubenssätzen: Sie brauchen keinen bösen Willen. Sie brauchen nur einen ungeschützten Moment.
Die gefährlichsten Rollen sind nicht die,
die uns jemand aufgezwungen hat.
Es sind die, die wir uns selbst gegeben haben —
weil wir geglaubt haben, wir müssen sie tragen,
um geliebt zu werden.
Was Rollen wirklich sind — und was nicht.
Rollen sind nicht per se schlecht. Wir alle spielen sie — als Mutter, als Tochter, als Kollegin, als Freundin. Sie helfen uns, uns in der Welt zu orientieren. Sie geben Struktur. Sie schützen uns manchmal.
Das Problem entsteht, wenn eine Rolle aufhört, ein Werkzeug zu sein — und zur Identität wird. Wenn du nicht mehr weißt, wer du bist, ohne sie. Wenn du dich ohne sie schuldig fühlst. Wenn die Rolle dich trägt, statt du sie.
Die Rolle, die schützt
Manche Rollen entstehen in schwierigen Momenten und haben uns damals gerettet. Die Starke. Die Unsichtbare. Die Angepasste. Sie waren einmal sinnvoll — und dürfen trotzdem irgendwann abgelegt werden.
Die Rolle, die erwartet wird
Familie, Gesellschaft, Schule — sie alle haben Bilder davon, wer wir sein sollen. Die brave Tochter. Die aufopfernde Mutter. Die Frau, die keine Ansprüche stellt. Oft übernehmen wir sie, ohne je gefragt zu werden ob wir wollen.
Die Rolle, die wir wählen
Das ist das Ziel der Identitätsarbeit — nicht keine Rollen mehr zu haben, sondern bewusst zu wählen, welche wir tragen. Nicht weil wir müssen. Sondern weil sie zu uns passen.
Welche Rolle trägst du gerade?
In meiner Arbeit mit Frauen begegne ich immer wieder denselben Mustern. Fünf innere Rollen, die besonders häufig getragen werden — oft unbewusst, oft seit Jahren.
Die perfekte Mutter
Sie gibt alles — und vergisst dabei oft, dass sie selbst auch jemand ist, der Bedürfnisse hat.
Die Starke
Sie funktioniert, hält durch, fragt nicht nach Hilfe. Nach außen unerschütterlich, innen oft erschöpft bis auf die Knochen.
Die Harmonie-Hüterin
Sie vermeidet Konflikte um jeden Preis. Ihr eigenes Unwohlsein kostet weniger als das Unwohlsein anderer — glaubt sie.
Die Getriebene
Sie ist immer in Bewegung, immer produktiv, immer beschäftigt. Stillstand fühlt sich für sie gefährlich an.
Die Unsichtbare
Sie macht sich klein, tritt zurück, meldet sich nicht zu Wort. Nicht weil sie nichts zu sagen hätte — sondern weil ihr irgendwann beigebracht wurde, dass ihre Stimme nicht zählt.
Erkennst du dich?
Im kostenlosen Kleiderschrank-Test findest du heraus, welche Rolle du gerade am häufigsten trägst — und was das über deine innere Haltung verrät.
Was Identitätsarbeit bedeutet — und was nicht.
Identitätsarbeit bedeutet nicht, eine neue Identität zu konstruieren. Es geht nicht darum, eine bessere Version von dir zu werden — Menschen sind keine Projekte.
Es geht darum, zurückzufinden. Zu dem, was unter all den Rollen, Erwartungen und Glaubenssätzen schon immer da war. Zu der Stimme, die du irgendwann aufgehört hast zu hören, weil andere lauter waren.
Identität ist nicht das, was andere aus dir gemacht haben.
Es ist das, was übrig bleibt, wenn du aufhörst, ihnen zu glauben.
Das ist keine schnelle Arbeit. Aber es ist die ehrlichste, die ich kenne.
Welche Rolle trägst du gerade?
Du musst nicht sofort wissen, woher sie kommt oder warum du sie trägst. Du musst sie nur erst einmal sehen. Der Rest kommt von selbst.
Katharina Koll
Gründerin von NORANNI · Zertifizierte Life CoachIch weiß, wie es sich anfühlt, eine Rolle zu tragen, die nie die eigene war — und zu lange zu brauchen, um das zu erkennen. Diese Erfahrung ist der Grund, warum ich tue, was ich tue. Nicht als Theorie. Sondern als gelebte Wahrheit.
NORANNI ist benannt nach meinen Töchtern Nora und Annika. Ich lebe mit meiner Familie in Österreich.