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Warum du funktionierst – aber dich nicht mehr spürst

Es gibt einen Zustand, der keinen Alarm schlägt. Und genau deshalb so lange unbemerkt bleibt.

Es war ein ganz normaler Dienstag.

Ein paar Tage zuvor hatte mir ein guter Bekannter, während er mir einen neuen "Job" vorbeigebracht hat, gesagt: "Kathi, pass auf, dass du kein Burnout bekommst"! Es war kein böser Satz, kein dramatischer. Er hat es einfach so, beiläufig, zwischen zwei anderen Sätzen erwähnt. 

Ich hab kurz gestutzt. Und dann weitergemacht.

Mein Vater hatte so etwas Ähnliches auch schon gesagt. Mehr als einmal. Auch er immer so nebenbei, als würde er etwas laut denken, das er eigentlich nicht sagen wollte. Ich hatte es gehört. Ich hatte es abgelegt. Ich hatte weitergemacht.

Ich funktionierte ja. Gut sogar.

Und dann war da dieser Dienstag.

Die Kinder waren in der Schule. Der Kalender war voll. Nichts brannte. Niemand war krank. Ich hatte geschlafen. Ich hatte Yoga gemacht. Ich hatte sogar in Ruhe gefrühstückt, was damals schon eine Ausnahme war.

Irgendwann an diesem Tag stand ich in meinem Schlafzimmer vor dem Spiegel in meinem Kleiderschrank.

Nackt.

Und ich schaute mich an – wirklich an, nicht so wie man sich morgens flüchtig im Spiegel sieht – und dachte: Das bin nicht ich.

Nicht als Drama. Nicht als Krise. Einfach als stille, nüchterne Feststellung.

Ich wusste nicht, ob ich traurig war. Oder müde. Oder leer. Ich wusste nur: Da ist irgendetwas nicht mehr da, was da sein sollte. Da schaut mir jemand entgegen, die alles erledigt, alles trägt, alles zusammenhält – und die ich trotzdem nicht mehr erkenne.

Das war der Moment, in dem ich aufgehört habe, wegzuschauen.

Nicht auf den Kalender. Nicht auf die To-do-Liste. Auf mich.

Und erst viel später habe ich verstanden: Mein Freund und mein Vater hatten es gesehen. Lange bevor ich es sehen konnte. Weil von außen manchmal klarer ist, was von innen längst unsichtbar geworden ist.

Wenn „alles läuft" nicht bedeutet, dass es stimmt

Wir leben in einer Kultur, die Funktionieren mit Stimmigkeit gleichsetzt.

Wenn alles läuft – die Kinder, die Beziehung, die Arbeit, der Haushalt – dann ist doch alles gut. Oder?

Aber Funktionieren ist eine Leistung. Stimmigkeit ist eine Verbindung.

Beides schließt sich nicht aus. Aber wir verwechseln sie ständig. Wir denken: Weil ich das alles schaffe, muss ich okay sein. Weil nichts zusammenbricht, ist alles in Ordnung.

Das Gegenteil von "alles bricht zusammen" ist nicht "alles stimmt". Das Gegenteil von "alles bricht zusammen" ist nur: nichts bricht zusammen.

Dazwischen liegt ein riesiger Raum. Und in diesem Raum leben viele Frauen, ohne es benennen zu können. Ohne einen Namen für das zu haben, was sie fühlen. Oder besser gesagt: für das, was sie nicht fühlen.

In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Entfremdung vom Selbst – auf Englisch self-alienation. Er beschreibt den Zustand, in dem jemand zwar körperlich anwesend und funktional kompetent ist, aber die Verbindung zu den eigenen Gefühlen, Wünschen und Impulsen verloren hat.

Das klingt dramatisch. In der Realität sieht es so aus:

Du isst, weil es Zeit ist – nicht weil du Hunger hast. Du sagst "Ja" zu Dingen, weil du nicht weißt, wie sich ein ehrliches "Nein" anfühlen würde. Du freust dich – aber du weißt im selben Moment nicht genau, ob die Freude echt ist oder ob du weißt, dass du dich freuen solltest. Du planst Urlaube, Geburtstage, Zukunft – aber wenn jemand fragt "Was willst du eigentlich?", kommt erstmal Stille.

Das Phänomen, das keinen Namen hat – bis es einen hat

Prof. Dr. Bert te Wildt und Timo Schiele – beide Psychosomatik-Experten aus der Klinik im Kloster Dießen am Ammersee – haben 2021 ein Buch veröffentlicht, das beschreibt, was ich damals erlebt habe, ohne es benennen zu können. Sie nennen es Burn On.

Nicht Burnout. Burn On.

Der Unterschied ist entscheidend.

Klassischer Burnout bedeutet: Du brichst zusammen. Du kannst nicht mehr.

Burn On bedeutet: Du kannst noch. Du tust es. Du wirst es auch morgen tun. Aber die Verbindung zwischen dem, was du tust, und dem, wer du bist, ist längst abgerissen.

Die Betroffenen – und das ist das Tückische – wirken von außen oft am stabilsten. Sie sind die, die alles schaffen. Die, auf die Verlass ist. Die, die nicht klagen.

Und genau deshalb werden sie so selten gefragt: Geht es dir eigentlich gut?

Ich wurde auch nicht gefragt. Ich hatte ja alles im Griff.

Wie die Entfremdung entsteht – und warum wir es nicht merken

Es beginnt nicht mit einem Einschnitt. Keinem großen Erlebnis, keiner bewussten Entscheidung, keinem Moment, den du später "der Anfang" nennen könntest.

Es schleicht sich an.

Ein "Ich mach das schon." Ein "Das ist jetzt nicht der richtige Moment für meine Bedürfnisse." Ein "Erst wenn die Kinder größer sind." Ein "Ich bin halt so."

Jeder dieser Sätze ist für sich genommen verständlich. Sogar vernünftig. Sogar liebevoll.

Aber über Monate – über Jahre – ergeben sie zusammen ein Muster. Und dieses Muster formt, wer du glaubst zu sein.

In meiner Arbeit mit Frauen, die sich genau an diesem Punkt befinden, begegne ich immer wieder demselben Satz: "Ich weiß gar nicht mehr, was ich eigentlich will."

Nicht als Klage. Sondern als ehrliche, leise Erkenntnis.

Und weißt du, was das bedeutet? Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist der erste Moment von Bewusstsein.

Was der Körper schon lange weiß

Es gibt einen Aspekt der Entfremdung, über den zu wenig gesprochen wird: Sie sitzt nicht nur im Kopf. Sie sitzt im Körper.

Der Neurowissenschaftler Stephen Porges hat mit seiner Polyvagal-Theorie gezeigt, wie unser autonomes Nervensystem ständig – und weit unterhalb der bewussten Wahrnehmung – bewertet, ob wir uns in Sicherheit befinden. Emotional. Relational. In uns selbst.

Wenn wir uns dauerhaft von unseren eigenen Impulsen abschneiden, wenn wir dauerhaft funktionieren statt spüren, reagiert das Nervensystem. Nicht immer laut. Manchmal sehr leise.

Eine chronische, leichte Anspannung, die nie ganz weicht. Ein Erschöpfungsgefühl, das auch nach Schlaf nicht verschwindet. Das Gefühl, irgendwie neben sich zu stehen – präsent, aber nicht wirklich da.

Verspannungen, die keinen orthopädischen Grund haben. Erschöpfung, die keine medizinische Erklärung findet. Das Gefühl von Schwere, das du vielleicht schon so lange kennst, dass du es für normal hältst.

Es ist nicht normal.

Es ist ein Signal.

Was das mit dem Kleiderschrank zu tun hat

Ich arbeite mit einem Bild, das mir sehr viel bedeutet – und das ich nicht ohne Grund ins Zentrum meiner ganzen Arbeit gestellt habe.

Der innere Kleiderschrank.

Die Sozialpsychologen Hajo Adam und Adam Galinsky haben 2012 in ihrer Studie zur Enclothed Cognition – erschienen im Journal of Experimental Social Psychology – nachgewiesen, was wir intuitiv schon lange ahnen: Was wir tragen, beeinflusst, wie wir denken, fühlen und handeln. Nicht nur buchstäblich. Auch in übertragener Bedeutung.

Die Rollen, die wir tragen – die Mutter, die Starke, die Vernünftige, die die alles Schafft – formen, wie wir uns selbst erleben. Wie wir entscheiden. Was wir für möglich halten.

Und viele dieser Rollen wurden nie hinterfragt. Weil sie schon immer da waren. Weil sie irgendwann aufgehört haben, wie Rollen auszusehen – und anfingen, wie Identität zu fühlen.

Stell dir vor, du öffnest deinen inneren Kleiderschrank und siehst zum ersten Mal wirklich, was da hängt. Nicht um alles herauszuwerfen. Sondern um zu wissen: Was davon habe ich gewählt? Was davon wurde mir gegeben? Und was passt mir heute – und was schon lange nicht mehr?

Nicht alles, was du trägst, gehört wirklich zu dir.

Drei Fragen, die mehr sagen als jeder Test

Ich möchte dir drei Fragen mitgeben. Keine Übung. Keine Methode. Nur drei ehrliche Fragen – und die Einladung, wirklich in dich hineinzuhorchen, wenn du sie liest.

Nicht um eine "richtige" Antwort zu finden. Sondern um überhaupt wieder wahrzunehmen, was da ist.

Wann hast du zuletzt etwas getan – nur für dich, ohne Zweck, ohne Produktivität – und dabei wirklich präsent gewesen?

Nicht wann du dir Zeit genommen hast. Sondern wann du wirklich da warst. In dir. Ohne den nächsten Gedanken schon beim nächsten To-do.

Wenn die Antwort weit zurückliegt – das ist eine Information.

Wenn jemand dich heute fragt "Wie geht es dir wirklich?" – was ist das Erste, das du fühlst, bevor du antwortest?

Nicht die Antwort selbst. Sondern den Moment davor. Kommt da etwas hoch? Oder ist da eine Art Leere, eine kurze Pause, in der du erstmal suchst?

Diese Pause – das ist ein wichtiger Ort.

Gibt es Dinge in deinem Leben, die du regelmäßig tust – ohne sie je wirklich hinterfragt zu haben – die sich bei ehrlichem Nachdenken nicht stimmig anfühlen?

Nicht falsch im moralischen Sinne. Sondern einfach nicht dir.

Wenn du jetzt einen Impuls hast zu sagen "Ja, aber das gehört dazu" – dann weißt du, wo ein guter Ausgangspunkt wäre.

Was als Nächstes kommen kann

Du brauchst kein radikales "Alles auf Anfang". Kein Wochenend-Seminar. Keine Liste mit Dingen, die du ab sofort anders machst.

Was es braucht, ist Hinschauen. Ehrliches, ruhiges Hinschauen.

Der erste Schritt ist nicht, alles herauszuwerfen. Der erste Schritt ist, den Schrank überhaupt aufzumachen. Zu sehen, was da hängt. Was du wirklich trägst. Und was schon lange nicht mehr passt – auch wenn du es noch nie hinterfragt hast.

Wenn du neugierig bist, was dich innerlich wirklich antreibt – und welche Muster sich vielleicht schon lange unter der Oberfläche zeigen – dann schau dir gerne an, was es bedeutet, wenn Erschöpfung mehr ist als nur Müdigkeit.

Und wenn du verstehen möchtest, wie es überhaupt so weit kommen kann, ist dieser Beitrag über Eltern-Burnout ein ehrlicher nächster Schritt.

Alles beginnt damit, den Schrank aufzumachen. Hinzuschauen. Ohne Druck, ohne Urteil.

Genau das kannst du hier im kostenlosen Workshop tun – in deinem eigenen Tempo.

Nicht alles, was du trägst, gehört wirklich zu dir.

Aber das, was wirklich dir gehört – das darf endlich gesehen werden.


 

Quellen

  • te Wildt, B. & Schiele, T. (2021). Burn On: Immer kurz vorm Burnout. Droemer Verlag.
  • Adam, H. & Galinsky, A. D. (2012). Enclothed Cognition. Journal of Experimental Social Psychology, 48(4), 918–925.
  • Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. W. W. Norton & Company.

Wenn du das Gefühl hast, dass du tiefer gehen möchtest, schau dir gerne meinen kostenfreien Workshop an.

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