Termin buchen

Die Rollen, die du trägst – und wie sie dich formen

Frau steht in einem Kleid vor dem Spiegel und betrachtet sich ruhig, während der Text „Rollen, die du trägst – Wer bist du, wenn du aufhörst, nur das zu sein, was gebraucht wird?“ die Auseinandersetzung mit eigenen Identitäten und innerer Wahrnehmung beschreibt

Die Rollen, die du trägst – und wie sie dich formen


Es gibt einen Moment, in dem Frauen sich fragen: „Wer bin ich eigentlich – wenn ich mal nicht Mutter bin? Wenn ich mal nicht die bin, die alles zusammenhält?"

Und dann kommt meistens ein kurzes Schweigen.

Nicht weil sie keine Antwort haben. Sondern weil die Frage so ungewohnt ist.

Wir sind so daran gewöhnt, uns über unsere Rollen zu definieren, dass wir gar nicht mehr merken, wann das passiert ist. Irgendwann war da einfach diese Version von dir. Die Verlässliche. Die Starke. Die, die alles im Griff hat. Und sie war so lange da, dass du aufgehört hast zu fragen, ob du sie dir ausgesucht hast – oder ob sie sich dich ausgesucht hat.

 

Eine Rolle ist nicht dein Feind

Bevor wir weiterdenken, möchte ich etwas klarstellen – weil ich es oft erlebe, dass Frauen an diesem Punkt sofort in Schuldgefühle rutschen.

Eine Rolle ist per se nicht schlecht.

Mutter sein ist wunderschön. Verantwortung zu tragen auch. Die Verlässliche, die Starke, die Ruhige zu sein – das kann echte Kraft sein. Es kann sogar ein tiefer Ausdruck davon sein, wer du bist.

Das Problem entsteht nicht durch die Rolle selbst.

Es entsteht, wenn die Rolle zur einzigen Identität wird. Wenn du nicht mehr „Mutter bist" – sondern wenn du aufgehört hast, jemand anderes zu sein. Wenn du nicht mehr weißt, was du willst, wenn niemand etwas von dir braucht. Wenn du dir selbst fremd geworden bist.

Die Sozialpsychologin Hazel Markus hat gemeinsam mit Paula Nurius bereits 1986 das Konzept der possible selves beschrieben – die Vorstellungen, die Menschen von sich selbst haben: wer sie sein könnten, wer sie sein wollen, wen sie fürchten zu werden. Diese inneren Bilder steuern, oft vollkommen unbewusst, wie wir uns verhalten, was wir entscheiden, wer wir glauben zu sein. Was wir für „ich" halten, ist manchmal nur die Summe dessen, was andere von uns erwartet haben – und was wir irgendwann aufgehört haben zu hinterfragen.

Das ist kein Vorwurf. Das ist menschlich. Das ist, wie Identität entsteht – in Beziehung, in Rückmeldung, in dem, was belohnt wurde und was nicht.

 

Die fünf Rollen, die ich am häufigsten sehe

In meiner Arbeit mit Frauen begegnen mir immer wieder dieselben Muster. Ich nenne sie die fünf Rollen des inneren Kleiderschranks – und ich sage „Rollen", nicht „Typen", weil das wichtig ist. Du bist kein Typ. Du trägst etwas. Und was getragen wird, kann auch abgelegt werden.

Die perfekte Mutter. Sie stellt die Bedürfnisse ihrer Kinder konsequent über die eigenen. Nicht nur aus Liebe – sondern aus dem tiefen, oft unbewussten Glauben, dass gute Mütterlichkeit mit Selbstaufgabe gleichzusetzen ist. Sie macht alles richtig. Sie liest die richtigen Bücher, kocht das richtige Essen, ist verfügbar, geduldig, präsent. Und fragt sich nachts manchmal, warum sie sich so leer fühlt.

Die Starke. Sie zeigt keine Schwäche. Nicht weil sie keine hat – sondern weil sie irgendwann gelernt hat, dass Stärke Schutz bedeutet. Dass wenn sie nur stark genug ist, nichts passieren kann. Dass sie sich Schwäche schlicht nicht leisten kann. Diese Rolle kenne ich sehr gut – ich habe sie selbst lange getragen. Wie eine Rüstung, die mich gleichzeitig geschützt und eingeengt hat.

Die Harmonie-Hüterin. Sie sorgt dafür, dass der Frieden bewahrt bleibt. In der Familie, im Freundeskreis, im Arbeitsumfeld. Sie spürt Spannungen bevor andere sie bemerken, und sie löst sie – meistens, indem sie zurücksteckt. Indem sie ihre eigene Wahrheit nicht ausspricht. Indem sie lieber nickt als Unruhe zu riskieren.
Wenn du mehr darüber lesen möchtest, was echte Harmonie von erzwungenem Frieden unterscheidet, findest du hier einen guten Einstieg.

Die Getriebene. Sie erledigt. Immer. Zuverlässig. Ohne Pause. Nicht weil ihr niemand helfen würde – sondern weil „Ich schaffe das schon" ihr zweiter Vorname geworden ist. Sie ist die, auf die alle zählen. Und sie fragt sich selten, auf wen sie zählen darf.
Warum das Funktionieren irgendwann nicht mehr funktioniert, habe ich hier beschrieben.

Die Unsichtbare. Sie zieht sich zurück. Nimmt wenig Raum ein. Stört nicht. Wartet. Irgendwann hat sie gelernt, dass es einfacher ist, sich klein zu machen – weniger Aufmerksamkeit bedeutet weniger Risiko. Weniger Sichtbarkeit bedeutet weniger Angriffsfläche. Aber auch: weniger Leben.

Vielleicht erkennst du dich in einer davon wieder. Vielleicht in mehreren. Vielleicht in allen – je nach Tag, je nach Kontext, je nachdem, mit wem du gerade im Raum bist.

Das ist kein Zufall. Das ist System.

Woher diese Rollen kommen

Keine dieser Rollen wurde bewusst gewählt.

Sie entstanden in der Kindheit, als wir lernten: Wer oder was muss ich sein, damit ich dazugehöre? Was muss ich zeigen, damit ich geliebt werde? Wer oder was darf ich nicht sein, damit ich nicht verlassen werden?

Kinder haben extrem fein abgestimmte Sensoren für das, was ihr Umfeld von ihnen erwartet. Nicht aus Manipulation – sondern aus purem Überlebensinstinkt. Zugehörigkeit war für uns als Kinder keine nette Sache. Sie war überlebenswichtig. Also haben wir uns angepasst. Haben bestimmte Teile von uns gezeigt und andere versteckt. Haben gelernt, was „funktioniert" – und dieses Wissen tief in uns abgespeichert.

Und dann – leise, über viele Jahre – wurden diese Antworten zu Überzeugungen. Zu Verhaltensmustern. Zur Identität.

Die Anthropologin Dana Raphael hat in den 1970er Jahren den Begriff der Matrescence geprägt – die tiefgreifende psychologische, körperliche und soziale Transformation, die Frauen beim Mutterwerden durchlaufen. Ähnlich wie in der Adoleszenz ist diese Phase kein einzelnes Ereignis, sondern ein Prozess. Eine Häutung. Und wie in der Pubertät werden dabei alte Identitätsmuster nicht nur sichtbar, sondern verstärkt. Wer vorher schon „die Starke" war, wird es als Mutter noch mehr. Wer sich schon unsichtbar gefühlt hat, verliert sich noch tiefer.

Nicht weil Mutterschaft das Problem ist. Sondern weil sie ein Verstärker ist. Ein Spiegel. Eine Lebensphase, die dir zeigt, was du ohnehin schon in dir getragen hast – nur jetzt lauter, deutlicher, drängender.

Was passiert, wenn du eine Rolle nicht mehr spielen kannst

Irgendwann kommt der Moment – manchmal schleichend über Jahre, manchmal sehr plötzlich – in dem eine dieser Rollen nicht mehr trägt.

Wenn du nicht mehr die Starke sein kannst, weil der Körper streikt. Wenn die Harmonie zur Last wird, weil du merkst, dass du dich selbst dabei verlierst. Wenn das Funktionieren aufhört zu funktionieren, weil einfach nichts mehr geht.

Viele Frauen beschreiben diesen Moment als Krise. Als Zusammenbruch. Als „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin."

Und ich verstehe, warum es sich so anfühlt. Wenn etwas, das so lange deine Stabilität war, plötzlich wegbricht – dann ist das erschreckend. Dann ist der Boden weg. Ich war selbst an diesem Punkt.

Aber ich nenne diesen Moment etwas anderes.

Ich nenne ihn einen Riss im Vorhang. Weil hinter diesem Riss nicht das Nichts ist. Sondern du.
Die Version von dir, die sich nicht anpassen musste. Die nicht funktionieren musste. Die einfach da sein darf.
Dieser Riss ist kein Zusammenbruch. Er ist eine Einladung.

Nicht gleich ablegen. Erst einmal hinschauen.

Der erste Schritt ist nicht, die Rollen loszuwerden. Das wäre zu einfach – und würde sich auch nicht gut anfühlen.

Denn manche Dinge, die wir tragen, gehören wirklich zu uns. Manche Rollen sind echter Ausdruck von dem, wer wir sind. Und manche wurden uns angezogen, ohne dass wir gefragt wurden – in der Kindheit, durch Erwartungen, durch wiederholte Erfahrungen.

Der Unterschied liegt im Bewusstsein.

Stell dir vor, du öffnest deinen inneren Kleiderschrank und siehst zum ersten Mal wirklich, was da hängt. Nicht mit dem Ziel, alles herauszuwerfen.

Sondern mit ehrlichen Fragen:
Was davon habe ich gewählt?
Was davon wurde mir gegeben?
Was passt mir heute – und was schon lange nicht mehr?

Das ist keine Technik. Das ist keine Übung mit Stift und Papier. Das ist eine Haltung. Eine Bereitschaft, hinzusehen. Auch wenn das, was du siehst, dich überrascht. Auch wenn es ein bisschen wehtut.

Denn das Hinschauen ist nicht das Problem. Das Nicht-Hinschauen ist es.

NIcht alles was du trägst, gehört zu dir

Vielleicht hast du beim Lesen schon gespürt, dass dich eine dieser Rollen berührt hat.
Nicht, weil du dich festlegen willst, sondern weil da etwas in dir leise genickt hat.

Wenn du diesem Gefühl nachgehen möchtest, kannst du in meinem kostenlosen Kleiderschrank-Test herausfinden, welche Rolle in deinem Leben gerade besonders präsent ist – nicht als Bewertung, sondern als erster ehrlicher Blick auf das, was du trägst.

Und wenn du danach noch einen Schritt weitergehen willst, zeige ich dir im nächsten Artikel, wie du beginnst zu unterscheiden, was wirklich zu dir gehört und was vielleicht schon lange nicht mehr zu dir passt.
Falls du den ersten Blog zu diesem Thema verpasst hast, kannst du diesen HIER noch nachlesen. 





Quellen: 
Hazel Markus & Paula Nurius – Possible Selves Markus, H. & Nurius, P. (1986). Possible selves. American Psychologist, 41(9), 954–969.

Dana Raphael – Matrescence Raphael, D. (1973). The Tender Gift: Breastfeeding. Prentice Hall. (Das ist die Originalquelle, in der sie den Begriff Matrescence erstmals geprägt hat.

Wenn du das Gefühl hast, dass du tiefer gehen möchtest, schau dir gerne meinen kostenfreien Workshop an.

Jetzt anmelden

Bleib verbunden – mit Impulsen, die dich wirklich erreichen.

Trag dich ein und erhalte regelmäßig ehrliche Gedanken, neue Perspektiven und Inhalte, die dich im Alltag begleiten – nicht lauter, sondern bewusster.

Kein Spam. Kein Druck. Nur das, was dich erinnert, wieder bei dir anzukommen. Deine Daten bleiben bei uns. 🤍